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Der Mirabellenhof

Von Bernau im Norden von Berlin über Lobetal bis nach Biesenthal sind es mit dem Fahrrad rund 12 Kilometer. Man fährt den Berlin-Usedom-Radweg ein Stückchen entlang, vorbei an wunderschönen Alleen. Die Blätter der Bäume trägen heute leuchtende Herbstfarben, rot, gelb, braun. Am strahlend blauen Himmel ziehen einige Kraniche lautstark gen Süden. Kurz vor dem Ortseingang der 5000-Seelenstadt Biesenthal kommt man an einer beschilderten Allee entlang: auf vielen Tafeln wird an „prämierte“ Bäume der letzten 15 Jahren erinnert: Baum des Jahres 1997,1998, 2005…Die schwarze Pappel ist unter den preisgekrönten Bäumen, auch die Eberesche, die Stiel-Eiche. Berg-Ahorn, Walnuss, Vogelkirsche. Kurzum. Hier gibt es nicht nur Kiefern, sondern einen großen Reichtum an Bäumen.

 

 

Nur wenige Meter von dieser Allee der gekrönten Bäume entfernt, befindet sich der Mirabellenhof, einst eine Ruine, heute ein ausgebuchtes Seminarhaus mit einer großen Vielfalt an Fortbildungsangeboten: Von „Familiencoaching mit Pferden“ und Fastenwandern mit Yoga bis hin zu Fortbildungen für „Pädagogik auf Augenhöhe“. Alles, was heilt, zum menschlichen Wachstum beiträgt, passt hierher.

 

Katrin Paul, gebürtige Berlinerin, Familientherapeutin und Mutter von zwei Kindern, wohnt hier mit ihrer Familie seit sieben Jahren.

 

Ich habe sehr kurzfristig gefragt, ob ich mal vorbeikommen könnte. Radfahrerinnen hatten mir während meiner Berlin-Usedom-Tour im August begeistert vom Mirabellenhof erzählt. Ja, Bett & Bike geht hier auch. Hier geht vieles. Aber nicht alles. Es muss zu Katrin Paul passen. Bei strahlendem Sonnenschein begrüßt sie mich auf ihrem Grundstück. Sie ist die Ruhe selbst, freundlich, wirkt vollkommen in sich ruhend und hoch zufrieden. „Kommen Sie bitte erstmal kurz mit zu Pferden. Ich muss die erst versorgen bevor wir uns unterhalten.“

Das Grundstück, die Tiere: Clarissa, Nelly, Snörre, Filou

 

Gerne laufe ich mit ihr über das große Grundstück. Vorbei an ein paar bemerkenswerten Hühnern, Orpington heißen die. Das sind die größten Hühner, die es gibt. Vorbei an Clarissa und Nelly, zwei schwarze Schafe mit einer beeindruckenden, dicken Wolle, die hier eigentlich nur vorrübergehend untergebracht werden sollten. Aber Tiere, die einmal hier sind, bleiben. Die Schafe fressen alles ab, was man vom Boden wegfressen kann. „Sie glauben gar nicht wie akkurat die alles hinterlassen. Man braucht wirklich keinen Rasenmäher mehr“, schwärmt Katrin Paul. Dann stellt sie mir ihre „Norweger“ vor, ihre beiden Lieblinge. Der eine ist ein „echter“ Norweger, er heißt Snörre. Der Halbbruder Filou ist eine Mischung, er hat auch „Cowboy“ im Blut. „Mit seinem Cowinstinkt könnte er sich auch um Rinder kümmern.“ Die Pferde sind nicht so klein wie Ponys, aber auch nicht riesig. Ideal für den Workshop „Führen mit Pferden“.

 

Es gibt auch noch ganz bezaubernde Hasen, die werden schwarz geboren, sind dann aber als Erwachsene schneeweiß. „Die werfen viele Kleine. Nicht alle sind überlebensfähig. Das gehört leider auch zum Leben in der Natur. Manchmal muss man Tiere befreien, wenn sie nicht lebensfähig sind. Es gibt auch Marder, die sich auf die Hühner stürzen. Und das war es dann. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen, dass die Natur auch solche Seiten hat.“

 

 

 

Vom Traum zur Wirklichkeit

 

Wir sitzen in einer wunderschönen großen Küche. Hier kochen und essen die Workshop-Gruppen.

 

 

Viele Menschen haben Träume. Aber realisieren sie nie. Weil ihnen der Mut, die realen Möglichkeiten, die persönlichen oder finanziellen Ressourcen fehlen. Ein Traum von großstadtmüden Großstädter*innen lautet: Raus aus der Stadt. Ab ins Grüne.

 

Das war auch der Traum von Katrin Paul. „Ich hatte diesen Traum immer schon. Mit Tieren leben. Aus der Haustür treten und draußen sein. Aber erst durch meine familientherapeutischen Ausbildung habe ich ernsthaft die Frage in mir bewegt: Was wollte ich eigentlich schon immer? Dann habe ich Nägel mit Köpfen gemacht. Und dieses Grundstück hier mit dem Haus gemeinsam mit meinem Mann erworben.“  Es musste was mit Pferden sein. Katrin Paul liebt Pferde und spricht begeistert von der heilenden Wirkung im Umgang mit ihnen. „Pferden können sie nichts vormachen! Die sind ein Spiegel. Sie können so viel von ihnen lernen.“

 

 

Die Widerstände und Hürden, um ihren Traum vom Leben in der Natur und für die innere Heilungsarbeit zu verwirklichen, waren gewaltig. Ihre eigene Herkunftsfamilie und auch die ihres Mannes waren strikt dagegen. Seitdem sind sieben Jahre vergangen. Schon im 2. Jahr war das Haus ausgelastet. Ihre beiden Kinder, 15 und 17 Jahre, wollen nicht mehr zurück in die Stadt.

 

 

 

Wer kommt zum Mirabellenhof? Die Workshopteilnehmer*innen, Radfahrer*innen, Wanderer*innen, sogar Berlin-Touristen, die einfach Geld sparen wollen. Und: Der Mirabellenhof ist sehr gefragt bei Familien. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Aber wir haben wirklich viele, die das ganze Haus für Familientreffen mieten. Und dann ist oft eine tolle Energie hier.“

 

 

 

Freie Schule gegründet

 

Obwohl ihre Arbeitspakete nun wirklich nicht zu klein sind, entschließt siesich, kurze Zeit nach der Gründung vom Mirabellenhof eine freie Schule in Biesenthal zu gründen. „Das ging nicht anders. Eines meiner Kinder war hier so unglücklich und das lag wirklich an der Schule. In Berlin hatten wir keine Probleme, hier schon. Also musste eine neue Schule her.“ Mittlerweile besuchen 35 Kinder diese freie Schule, eine große Bereicherung für Biesenthal. Einfach war das alles nicht. Aber sie hat das Talent, sich von Hürden nicht abschrecken zu lassen. Das musste sie ja schon bei der Renovierung der Ruine lernen, einen langen Atem haben und an das Projekt glauben. „Wir hatten hier zwei abenteuerliche Jahre. Sie glauben gar nicht, wie die Ruine aussah. Es gab Handwerker, die herkamen, sich umschauten und sagten: ‚Geht nicht, auf keinen Fall. ‘  Die konnte ich natürlich nicht gebrauchen. Ich brauchte welche, die an das Projekt glaubten wie ich. Nach zwei Jahren war dann alles fertig, der Dachstuhl freigelegt, heute ein wunderschöner Raum für Yoga, Körperarbeit, lichtdurchflutet. Es wurden Wände gezogen, vier Ferienwohnungen mit Küchen eingerichtet, dann diese große Küche für die Gruppen.

 

 

Zukunftspläne?

 

„Na, ich bin ja nun wirklich sehr gut beschäftigt und plane nichts Neues. Aber auf jeden Fall möchte ich die Workshops noch weiter verstärken. Das ist das Herzstück hier. Die Teilnehmer*innen der Workshops sind hier glücklich und ich glücklich über die tollen Gäste. Außerdem möchte ich mich noch mehr für Bildungsprojekte auf dem Land engagieren. Ich engagiere mich für ein Netzwerk von Freien Schulen. Das ist großartig. Sie glauben gar nicht, wieviele engagierte Leute es gibt, die gründen auf den kleinsten Dörfern Schulen und das ist es, was passieren muss. Es ist wichtig, dass es auf dem Land gute Schulen gibt. Dann kommen auch Familien und der ländliche Raum wird belebt.

 

 

Neben den eigenen Pferde-Workshops, die sie gibt, um Menschen das Führen zu lernen, arbeitet sie auch als Supervisorin für Kitas, Schulen, begleitet Lehrer*innen. 

 

Jedenfalls: Genug Arbeit für die nächsten Jahrzehnte.

 

Dem ländlichen Raum kann nichts Besseres passieren als eine beherzte Pionierin wie Katrin Paul, die sich nicht nur ihren eigenen Traum vom Leben mit Tieren auf dem Land erfüllt hat. Sondern die Impulse gibt für die Weiterentwicklung der so häufig erwähnten „abgehängten“ Regionen und die das Leben dort umso Vielfaches bereichert.

 

 

 

www.mirabellenhof.de

 

Tel.: 015228 47 69 60.

 

buchung@mirabellenhof.de

 

 

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